French Open: Zverevs Weg zum Titel
Zverev plötzlich Titelfavorit: Wer kann ihn bei den French Open noch stoppen?
Alexander Zverev steht in Paris so günstig da wie selten zuvor. Doch eine offene Turnierhälfte ist keine Abkürzung zum ersten Grand-Slam-Titel – sie verschiebt vor allem den Druck: Aus dem Mitfavoriten wird ein Spieler, an dem sich plötzlich alle messen.
Nach dem Zweitrunden-Aus von Jannik Sinner und dem verletzungsbedingten Startverzicht von Carlos Alcaraz hat sich das Tableau bei den French Open deutlich neu sortiert. Vor Zverevs Drittrundenpartie gegen Quentin Halys (20.15 Uhr/Eurosport) richtet sich der Blick deshalb nicht nur auf seine Form – sondern auf die wenigen verbliebenen Profile, die in einem nun offeneren Feld noch verlässlich Gefahr ausstrahlen.
Die Ausgangslage hat sich für Zverev deutlich verbessert
Mit Sinner und Alcaraz sind zwei Namen aus dem Titelrennen verschwunden, die vor Turnierbeginn als natürliche Hürden auf dem Weg zum Pokal galten. Das verändert nicht nur die rechnerischen Möglichkeiten, sondern auch die Erzählung dieses Turniers: Plötzlich wirkt der Titel in Reichweite – und genau darin liegt die neue Komplikation.
Denn ein Grand Slam wird nicht allein durch das Fehlen von Konkurrenten gewonnen, sondern über zwei Wochen, in denen sich Erwartungen verdichten. Zverev muss in dieser Konstellation nicht „leichter“ spielen, sondern klarer: jede Runde als eigene Aufgabe behandeln, ohne den Blick von der Gegenwart abzulösen. Ein offenes Tableau ist im Tennis häufig weniger Geschenk als Test – vor allem mental.
Djokovic, Jódar, Ruud: Drei sehr unterschiedliche Gefahren
Novak Djokovic
Novak Djokovic bleibt trotz aller Fragezeichen ein Faktor. Der 39-Jährige jagt in Paris seinen 25. Grand-Slam-Sieg und würde damit zum alleinigen Rekordhalter aufsteigen; aktuell teilt er die Bestmarke mit Margaret Court.
Genau diese historische Perspektive kann Djokovic gefährlich machen: Wenn sich ein Spieler in den großen Momenten über Jahre hinweg als verlässlich erwiesen hat, dann er. Boris Becker brachte das Spannungsfeld auf den Punkt, als er sagte, er habe sich vor dem Turnier „ein bisschen Sorgen“ gemacht, ergänzte aber: „Wenn es einer kann bei Grand Slams, dann ist es immer wieder Djokovic.“
Gleichzeitig sind bei Djokovic diesmal mehr Unsicherheiten als gewohnt Teil des Gesamtbilds. Die Hitze in Paris gilt als zusätzliche Belastung, und der Sand ist nach Darstellung im Turnierumfeld nicht sein bevorzugter Belag. Zudem verlief seine Vorbereitung auf die Sandplatzsaison wegen körperlicher Probleme nicht ideal. Für Zverev wäre Djokovic damit ein Gegner, der weniger über makellose Dominanz kommt, sondern über Routine, Anpassung – und die Fähigkeit, in engen Phasen Lösungen zu erzwingen.
Rafael Jódar
Rafael Jódar verkörpert den Gegenentwurf: 19 Jahre alt, 1,91 Meter groß, mit einem rasanten Aufstieg. Viertelfinals bei den Masters-1000-Turnieren in Madrid und Rom haben ihn in den Kreis der Außenseiter mit echter Wirkung gespielt. Vor einem Jahr lag er noch jenseits der Top 600, inzwischen gehört er zu den besten 30 Spielern der Welt.
Sein Stil passt zu dieser Entwicklung: Jódar sucht Tempo und Risiko, will lange Rallys eher vermeiden und setzt auf Initiative, nicht auf zermürbende Defensivarbeit.
In einem Turnier, in dem sich Hierarchien früh verschoben haben, kann genau diese Unbekümmertheit ein gefährlicher Faktor sein – weil sie ohne Rücksicht auf „große Namen“ spielt. Was gegen ihn spricht, ist die fehlende Erfahrung auf der Grand-Slam-Bühne: Je weiter ein Turnier fortschreitet, desto öfter entscheidet nicht der schönere Ball, sondern die stabilere Entscheidung.
Casper Ruud
Casper Ruud wiederum ist auf Sand kein Überraschungsname, sondern ein Muster an Verlässlichkeit. Der 27-Jährige stand 2022 und 2023 im Finale der French Open und erreichte jüngst auch in Rom das Endspiel, wo er sich erst Sinner geschlagen geben musste.
Ruud bringt ein Profil mit, das auf diesem Belag selten ausfranst: Wiederholbarkeit, Geduld, klare Muster – und die Gewissheit, dass er in Paris schon bis zum Ende gekommen ist, auch wenn er in den Finals gegen Nadal und Djokovic jeweils chancenlos blieb. Für ihn eröffnet sich – wie für Zverev – die Chance auf den ersten Grand-Slam-Triumph. Ruud formulierte seine Haltung dazu nüchtern: „Ich weiß, dass ich in diesem Sport wahrscheinlich keine großen Rekorde brechen werde. Aber ich kann im Rahmen meiner Karriere und auf meinem eigenen Weg mein Bestes geben.“ Genau diese Bodenständigkeit kann im Moment der Zuspitzung ein Vorteil sein.
Die größte Frage liegt bei Zverev selbst
Die entscheidende Unsicherheit rund um Zverev hat weniger mit seinem Tennis zu tun als mit der Geschichte, die ihn bei Grand-Slam-Turnieren begleitet. Im Finale der US Open 2020 gegen Dominik Thiem führte er mit zwei Sätzen; am Ende fehlten ihm zwei Punkte zum Titel. Danach folgten zwei weitere Finalniederlagen auf der Grand-Slam-Bühne. Solche Erfahrungen sind kein Makel, aber sie prägen die Wahrnehmung – von außen wie von innen: In entscheidenden Momenten wird aus jeder engen Phase schnell eine Prüfung der Vergangenheit.
In Paris wird deshalb weniger über Schläge als über Timing gesprochen werden: Wann erlaubt sich Zverev den Gedanken an den Pokal – und wann bleibt er beim nächsten Return, beim nächsten Aufschlagspiel, beim nächsten Satz? Philipp Kohlschreiber warnte entsprechend: „Es gibt noch genug Stolpersteine.“ Diese Stolpersteine beginnen nicht erst im Halbfinale, sondern im Alltag eines Grand Slams, in dem Konzentration über Tage konserviert werden muss.
Das gilt bereits für die dritte Runde gegen Quentin Halys. In der aktuellen Turnierlage ist jedes Match auch ein Test für Zverevs Fokus: Er muss die veränderte Gemengelage als Möglichkeit begreifen, ohne sich vom Druck der neuen Rolle aus dem Rhythmus bringen zu lassen.
Die Chance auf den ersten Grand-Slam-Triumph ist für Zverev in Paris greifbarer geworden. Sicher ist dadurch noch nichts – aber der Maßstab ist klarer: Wer jetzt als Favorit gilt, muss das Turnier nicht nur gewinnen, sondern auch die Erwartungen daran aushalten.

